"Jazz ist das wichtigste musikkulturelle Ereignis des 20. Jahrhunderts.Der Jazz hat die Improvisation zurückgebracht, die 200 Jahre lang völlig verloren gegangen war. Vorher hat man ja auch in Europa improvisiert, doch dies verschwand zu Gunsten von immer grösseren Orchestern und ihrer bürgerlichen Musik." George Gruntz Betrachte ich die Kirchenmusik, kann ich nur seufzen! Die Kirchenmusiker haben das 20. Jahrhundert verschlafen, von gelegentlichen Ausflügen in die Welt der Gospels und Spirituals mal abgesehen. Jazz ist mehr als ein Musikstil. Dem Jazz gelingt, was vielen Philosophen misslingt: Die Balance zu finden zwischen dem kreativen Selbst und seiner Mitwelt. Der gute Jazz erlaubt den Künstlern persönliche improviatorische Performance, was die klassische Musik nur den Solisten und Dirigenten zugesteht. Zwar bedarf auch der Jazz gewisser Vorgaben, die für ganze Gruppe gelten, etwa eines harmonischen Schemas oder eines bekannten Songs. Aber er zwingt den Einzelnen nicht zum strikten, detaillierten Nachvollzug einer Partitur. Darum liebe ich den Jazz, als künstlerische Performance des souveränen und freien Zeitgenossen. Okay, die Kirchen verfügen über einen eigenen, einen reichen Schatz an religiöser Musik. Grossartige Kompositionen; Orchestermessen; gregorianische Choräle, erschallend aus den Tiefen klösterlicher Kreuzgänge; Orgelwerke, brausend aus abertausend Pfeifen. Ich bin keineswegs ein Verächter alter Kost. Man kann mir gelegentlich als einem Konzertpilger begegnen, wenn Orgelwerke zwischen Bach und Messiaen programmiert sind. Ähnlich motiviert, bewundere ich beispielsweise in Colmar den Isenheimer Altar, das 1513-1516 entstandene Meisterwerk von Matthias Grünewald. Aber ich bleibe mir bewusst: Diese Musik, diese schönen Künste sind Glanzleistungen verblichener Epochen. Zwar sehr wohl nachvollziehbar für uns Heutige, aber nicht von unserer Zeit. Ich glaube nicht an eine ewige Schönheit. Jedes Kunstwerk zeugt von der Lebenswelt, der Fähigkeit und dem Geschmack seines Urhebers. Es wäre daher vermessen, zu behaupten, irgendein Kunstwerk sei ewig. Auch die Kunst ist endlich, das heisst menschlich. Im Jazz spüre ich meine Zeit. Den authentischen Ausdruck meiner Zeit will ich spüren, auch in der Kirchenkultur. Das zählt. Wirklich. Darum habe ich Kirchenjazz als Programmpunkt meines Ateliers bezeichnet. Die Story dahinterIch war Teenager, Schüler des Collège Saint Michel im schweizerischen Freiburg. Ein hagerer Mann unterwies mich im elementaren Klavierspiel: Louis Sauteur, Professor am Konservatorium. Seine Hände waren lang und schlank. Er griff Dezim-Akkorde völlig mühelos. Nach einem Jahr Klavierunterricht sagte er: "Schaller, Sie könnten Orgel lernen, Sie haben das Talent dazu." Sauteur war Organist an der Christ-Königs-Kirche und Orgellehrer, ein hervorragender Pädagoge. Im Salvatorkolleg, dem Internat, wo ich wohnte, stand eine kleine Pfeifenorgel. Es war ein miserables Instrument, aber es hatte, was man zum Üben braucht: zwei Manuale sowie ein vollständiges Pedal. Ja, sagte ich zu Sauteur, Orgel interessiert mich. Und ich begann ganz elementar. Nach wenigen Monaten organisierte Louis Sauteur eine Vortragsübung für seine Schüler an der Orgel der Kirche des Collège Saint Michel. Der Anfänger, der ich war, spielte zu Beginn ein schlichtes Stück aus der Orgelschule. Das Finale bestritt Alain Schmutz, der am weitesten fortgeschrittene Schüler mit der D-Dur-Toccata aus der Orgelsymphonie von Charles-Marie Widor. Die Toccata dieses romantischen Franzosen versetzte mich in Trance. Über mächtigen Basstönen spielte Schmutz ein rhythmisches Motiv von mitreissendem Schwung, und nochmals darüber spritzte Champagner gleich das melodische Motiv. Was für ein betörender Cocktail! Ich ahnte es damals nicht, aber heute sehe ich die Beziehung zum Orgeljazz. Denn weil du zwei Manuale und ein Pedal zur Verfügung hast, kannst du auf der Orgel Jazz-Trio spielen, die Melodie auf einem Manual, die harmonischen Akkorde auf dem andern. Die Bassfiguren machst du mit dem Pedal. Die Orgel wird damit zur Trio-Formation mit einem Melodieregister als Stimme, mit Begleitregistern für die harmonische Progression und mit dem Bassregister als tragendes Fundament. Perfekt! | Das Symbol Stern, sich enthüllend in Pracht 
So erblickte das Hubble-Weltraum-Teleskop den heissen Planetennebel NGC 2392, genannt Eskimo NebulaDas sich in Pracht enthüllende kosmische Ereignis ist Symbol für vitale Performance, Ausdruck einer Explosion von Kraft und Schönheit. Entfernung rund 3 000 Jahre von der Erde. Zugänge Meinen Zugang fand ich über Versuche mit Jazz auf der Kirchenorgel. Hier ein paar Wegmarken: Vor Jahren hörte ich Ellingtons
Mood Indigo ein geradezu unheimlich gefühlstiefes, schönes Stück. Ich dachte bei mir, wenn ich eine solche Stimmung auf die Orgel übertragen könnte, wie sie Ellington auf die CD bringt, ja, dann! Die Noten zu "Mood Indigo" fand ich in der Reihe "It's Easy to Play ...". Der Band enthält noch mehr sehr schöne Songs und Bluesstücke. Ich kann ihn Anfängern empfehlen, die nach einem liturgiefähigen Sound suchen. Sie sind leicht zu spielen. Auf der Orgel muss man freilich die Basslinie dazu erfinden. Beim Jazz ist es jedoch wie bei jeder Kunst: Auf die Elemente, auf die Details kommt es an. Zumal sich Jazzmusiker in der Kunst der Improvisation verwirklichen. Auf dem Weg dahin war mir ein Abendkurs in Jazzharmonik mit dem Berner Jazzpianisten Andi Harder sehr hilfreich. Harder arbeitete mit Frank Haunschilds "neuer Harmonielehre", einer sehr klaren Einführung, die sich auch für Selbstunterricht eignet. Später entdeckte ich zufällig in einem Musikladen das "Blues Piano", eine Einführung in die technischen Einzelheiten des Blues. Da es keine spezielle Einführung für "Blues auf Kirchenorgel" gibt, muss man einige Fantasie aufwenden, um das "Blues Piano" an die typische Trioformation der Orgel anzupassen. Ich empfehle den Kurs für Musiker, die sich nicht scheuen, bis an die Schmerzgrenze zu üben. Grosse Vorbilder Kaum ein Trio verwirklicht die Trio-Idee so vollkommen wie Keith Jarrett und seine beiden Mitspieler. Ob Piano, Bass oder Schlagzeug, jede Stimme bezieht sich jeder Zeit auf jede andere. Wenn ich der Musik von Abdullah Ibrahim lausche, träume ich davon, diese im religiösen Kontext zu hören. Der geniale Südafrikaner beweist, dass alle grosse Kunst eine religiöse Dimension aufweist. 
Brad Mehldau gehört für mich zu den grossartigen Pianisten der jungen Generation. Ich halte seine CD-Reihe "Kunst des Trio" für das beste Vorbild für Orgeljazz. Wegen seiner Melodieführung vor allem. "Oregon" ist die Band des Gitarristen Ralph Towner. Mich beeindruckt die Qualität dieser Musik: Vier Künstler spielen eine wunderschön geistreiche Musik. Oft klingt sie meditativ und geradezu mystisch. 
Siehe auch Segenssongs |
Mit Louis Sauteur erlebte ich Freiburg die Phase 1 meines Orgelstudiums, die Phase der Initiation. Phase 2 folgte in Passau an der Donau, wo ich ab 1961 Theologie studierte. Mein Lehrer war jetzt Domorganist Heinz Schuster, berühmt für seine Mittagskonzerte an der grössten Orgel der Welt. Seine Idee war, die Schüler in die Werke der bedeutendsten Meister einzuführen. Das brachte zwar wenig Gebrauchsfertiges für den liturgischen Alltag, aber umso mehr Stil und Können. Mit Schuster lernte ich beispielsweise sämtliche sechs Orgel-Trio-Sonaten von Johann Sebastian Bach, César Francks a-moll-Choral, Suiten von Clérambault, von Harald Genzmer und Orgelsonaten von Paul Hindemith. Von Orgeljazz war noch nicht die geringste Spur vorhanden, das blieb der Phase 3 vorbehalten. A propos Hindemith. Einen Sommer lang vertrat ich den Organisten der Hermann-Josef-Kirche des Klosters Steinfeld in der Eifel. An einem Nachmittag latschte eine Gruppe Pilger, angeführt von ihrem Pastor in die Kirche. Ich war gerade am Üben. Der Pastor forderte mich auf, etwas vorzuspielen. Völlig unvorbereitet präsentierte ich einen Satz aus einer Orgelsonate von Paul Hindemith, ein fein ziseliertes Stück, an dem ich gerade arbeitete. Die Pilger waren entsetzt. Sie hätten einen Evergreen hören wollen wie etwa "Jesus bleibet meine Freude" von Bach. Aber damit konnte ich nicht dienen. Später, als ausgebildeter Theologe und zurück in Freiburg, Schweiz, setzten sich meinem Leben andere Prioritäten. Verschiedene Gründe führten zum Abbruch der Organisten-Laufbahn. Ich beneidete Chansonniers und Gitarristen. Die Beatles fand ich Spitze (Yello Submarine), Juliette Gréco (Mon fils chante), auch Dalida (Gigi amoroso). Schliesslich kaufte ich mir ein Banjo-Gitarre und begann in der Migros-Abendschule einen Gitarrenkurs, ein Neuanfang, der allerdings rasch versandete. Ich wurde Auslandsredaktor der "Luzerner Neusten Nachrichten". Als ich etwa 50jährig war, nahm ich die verlorene Passion wieder auf, kramte meine alten Orgelnoten hervor und begann zu üben. Beginn der Phase 3. Mein Muster war jetzt jedoch ein ganz anderes als in der Orgelphase 1 und 2. Ich fand es nutzlos, wieder auf die klassischen Vorlagen einzuspuren. Weshalb sollte ich mich mit den Kirchenmusikern messen wollen, den Meistern der klassischen Orgelliteratur? Der wichtigste Grund: Das Orgelspielen kam mir zunehmend elitär, einsam und schöngeistig vor, jenseits von allen Freiheiten, Rhythmen, Songs und Harmonien, die Ende der Sechziger Jahre mein Lebensgefühl prägten. Stattdessen begann ich zunächst Duke Ellington zu spielen. Nach Noten. Und fand religiöse Spuren noch und noch in diesem grossartigen Jazz, ausdrückliche oder verschleierte Spuren. Nehmen Sie beispielsweise den Song "I'm Beginning To See The Light". Das ist das Lied vom Menschen, der nicht einmal den Tanz der Glühwürmchen bei Nacht beachtet hatte, jetzt aber den leuchtenden Stern im Auge seiner Freundin entdeckt. Jetzt endlich sieht er Licht. Der Song ist ohne Abstriche tauglich für religiöse Feiern. Niemand hindert einen, das Licht am Ende des Tunnels als ein himmlisches Licht zu deuten, das leuchtende Auge als Manifestation des Göttlichen. Oder nehmen Sie den Song "Solitude", der nicht einmal umgedeutet werden muss. Er ist nach Ellingtons eigenem Text ein Gebet: "In meiner Einsamkeit bete ich, lieber Herr im Himmel, schick mir meine Liebe zurück." Im Kirchenjazz liegt ein fantastisches Potenzial. Es muss bloss erschlossen werden. Zugänge gibt es viele und Vorbilder zuhauf. >>> Zurück zur Homepage Zum Seitenanfang |