Schallers Atelier für eine religionsoffene, humanistische Theologie. Seit 2003

Plädoyer

Spiritualität

Zeitsplitter

Kirchensplitter

Fragen

Myblog

Archiv

Kirchenjazz

Zeitsplitter:


Beachte:
Im
Archiv Zeitsplitter
finden Sie frühere
Kommentare und Glossen der Seite MyBlog



"Es ist mir wirklich klar, dass die westliche oder die jüdisch-christliche Idee von Gott das ist, was man in der Philosophie einen Kategorienfehler nennt. Gott wird vorgestellt als Mensch". (Joseph Weizenbaum,
1923-2008).



Mensch berührt Mammut



Bild aus der Grotte Chauvet,
 Südfrankreich,
30000 Jahre alt:
Ein frühes Gespür für Transzendenz.

Atelier Home

Präsentation

Story dahinter

My Books

Echo

Links

Impressum:

Autor der Website:
Fritz P Schaller

Email:
Atelier

Adresse:
Fritz P. Schaller
Wiesenstr. 10
CH-8700 Küsnacht

Gottes-Gen

Der Sprachlaut "Gott“ geistert heutzutage in den verschiedensten Welten herum. Als Wort, als Begriff, als Name flattern Gottes-Vorstellungen wie Schmetterlinge über die buntesten Wiesen, neuerdings sogar in den Couloirs mikrobiologischer Labors. Schwierig einzufangen
Von Fritz P. Schaller.

Sie können diesen Text auch öffnen als PDF

Siehe weitere Texte in PDF-Format:

Koran und Evangelium im religiösen Palaver PDF

Suizidhilfe - Wo das Recht versagt PDF

Minarette - Ein Abschied von westlichen Werten PDF

Burka - Über Religionsfreiheit und Toleranz PDF

So wäre „Gott“ am Ende in eine Prozentzahl überführbar? Jeder könnte noch sehr viel mehr Buchtitel zum Thema „Gott“ finden.

Wie kommen wir auf Gott?

Im Unterschied zu den meisten Titeln interessiert mich die Frage: Welche emotionalen und kognitiven Muster sind hinter den schillernden Gottesreden wirksam? Die Frage steht gewissermassen auf einer Metaebene. Als Frage über den Fragen. Wie kommen wir auf „Gott“, oder wäre unser göttliches Gerede (nach Kohelet) „eitel und ein Haschen nach Wind“? Der schönste Name Gottes sei „Brot“. Im Islam gibt es eine alte Tradition, wonach Gott 100 Namen hat, aber nur 99 dem Menschen bekannt sind. Der 100ste Namen, der schönste von allen, bleibt dem Geheimnis Gottes selbst vorbehalten. Viele Mystiker versuchten das Geheimnis des schönsten Namens zu ergründen.

Gottes Name sei Brot

Vom bedeutenden Tübinger Orientalisten Josef van Ess entlehne folgende kleine muslimische Legende: „Jemand wird gefragt, welches der allerhöchste Namen Gottes sei. Er antwortet: ‚Brot’. Der Frager ist entsetzt über diese Antwort, doch der andere erklärt: Ich war in Nesapur zur Zeit der Hungersnot. Vierzig Tage und vierzig Nächte habe ich hungrig in der Stadt zugebracht. Nirgends hörte man den Ruf zum Gebet, keine Moschee stand offen. (Wohl aber – so muss man wohl ergänzen – schrieen die Menschen beständig nach Brot). Seitdem weiss ich, dass der höchste Name Gottes ‚Brot’ ist.“

Christen könnten anhand dieser islamischen Legende wohl tiefgründig über die Beziehung von Namen Gottes und Abendmahl meditieren und vielleicht ein Stück von der Bescheidenheit der muslimischen Namens-Theologie abschneiden.

Gottes Name sei VMAT2

In seinem weltweit vermarkteten Buch „Gottes-Gen" (Kösel-Verlag) berichtet der amerikanische Mikrobiologe Dean Hamer über Forschungsergebnisse zur Spiritualität. Hamer sagt, der Hirnbotenstoff Monoamid wirke im Hirn als Ursache für spirituelle Erfahrungen. Monoamine sind sehr kleine hirnaktive Moleküle, wie etwa Dopamin, Adrenalin, Noradrenalin oder Serotonin. Hamer leitet aus seiner Forschung eine Kausalkette ab, die bei einem Gen namens VMAT2 beginnt und in Spiritualität mündet. Nach Hamer wären jene Menschen spiritueller und gläubiger, die genetisch bedingt mehr Monamine produzieren. Glauben und Unglauben wären somit eine Angelegenheit der individuellen genetischen Konstellation.

Bei einem monotheistischen Gläubigen würde der Gen-Code für Monoamin die Signatur Gottes bedeuten.

Hamers fundamentaler Denkfehler

Genau betrachtet, begeht Hamer allerdings einen fundamentalen Denkfehler. Für die kritische Vernunft können Gene nicht als handlungsfähige zielstrebige Subjekte betrachtet werden. Gene sind biochemische Produktionsmaschinen von Aminosäuren, und die Verkettung von Amiosäuren produziert Proteine. Nicht mehr und nicht weniger. Und die Gesamtheit der Gene, das menschliche Genom, schafft die Bedingungen, unter denen ein menschlicher Organismus aufgebaut werden kann. Das ist schon des „Wunders“ genug! Es ist sinnlos, hier den Gottesbegriff einzuführen.

Dean Hamer verwechselt Fähigkeit und Inhalt. Denken wir an das Beispiel unserer Sprache. Sprechen setzt einen Sprechapparat voraus, und darüber hinaus Regionen unseren Hirnen, die verschiedene phonetische und grammatische Muster zu einem sinnvollen Ausdruck zusammensetzen.

Aber: Unsere biologische Fähigkeit zu sprechen, entscheidet noch lange nicht darüber, ob und wie wir Sprache nutzen. Genauso wenig nimmt unsere Fähigkeit zu Spiritualität, was immer das sei, keineswegs vorweg, ob und wie wir sie alltäglich, künstlerisch, philosophisch oder religiös ausleben. Es bestehen wohl Zusammenhänge, aber keine zwingenden Kausalketten zwischen Genen und kulturellen Inhalten wie Glauben, Spiritualität oder Intelligenz, Freiheit, Kunst, Ethik oder Gottesvorstellungen.

Die Bluff von der Allmacht der Gene

Darum wird die kritische Vernunft ein Veto gegen die Kopplung der Begriffe „Gott“ und „Gen“ einlegen müssen. Sie ist nichts als ein Haschen nach Wind. Wir könnten das „Gottes-Gen“ getrost zum Unwort des Jahres anmelden.

Hamers biologistische Interpretation der Religion ist kein Sonderfall. Eine ganze Reihe prominenter Wissenschaftler denkt und argumentiert in gleicher Weise. Schon vor Jahrzehnten hat der Franzose Jacques Monod in seinem Bestseller „Zufall und Notwendigkeit“ einen chemischen Atheismus propagiert, aufgebaut auf den Naturgesetzen der Chemie. Der heute wohl militanteste Wortführer und bekennende Atheist dieser Richtung ist der Engländer Richard Dawkins mit seinen bezeichnenden Titeln „Der blinde Uhrmacher“ und „Das egoistische Gen.“

Die Amerikaner Andrew Newberg und Eugene d’Aquili haben mit bildgebenden Verfahren neurologische Konstellationen entdeckt, die zeigen, „wie Glaube im Hirn entsteht“.

Die unverfrorensten von allen, die Sozialdarwinisten, schliesslich folgern aus dem Subjektcharakter der Gene, das Leben sei nichts anderes als ein gnadenloser Kampf der gesündesten, cleversten, stärksten Gene gegen ihre weniger begabte Konkurrenz. Was übrigens wissenschaftlich schon längst widerlegt ist.

Kooperation ist mindestens ebenso potentes Instrument der Evolution wie Wettbewerb, Neokapitalismus hin oder her! Gemeinsam ist diesen Wissenschaftlern, dass sie Selbstbewusstsein, Ich, menschliches Subjekt, Freiheit, Verantwortung, Kooperation und natürlich auch Glauben als Illusionen genetischer Konstellationen vorstellen. Unser Organismus würde Geistiges nur halluzinieren. Halluzinationen seien in der Evolution wichtig, weil sie Vorteile im gnadenlosen Kampf um das Überleben der Arten verschaffen würden. Gene wären demnach nicht an Individuen, geschweige denn Personen „interessiert“. Alles was zählt, ist das Überleben und die Fortpflanzung der Gene, der Art, der Rasse, der Reichen, der Nation

Heimliche Menschenverächter

Nebenbei bemerkt: Der deutsche Psychoanalytiker Joachim Bauer zeigt in seinem „Prinzip Menschlichkeit“ eindrücklich, wie der biologistische Glauben an das „Überleben der Art“ im Zwanzigsten Jahrhundert reihenweise faschistische, sozialistische oder auch nationalistische Systeme hervor gebracht hat. Nie zuvor wurden so viele in den Krieg geschickt und geopfert, um der Grösse und Macht der Ideologien willen. Als gebrannte Kinder sollten wir ahnen, wohin Sozialdarwinismus führen kann: zu Rassenideologie, Faschismus, Chauvinismus, zur Shoa und nach Srebrenica. Man kann leicht zeigen, wie banal und unvernünftig und gefährlich solche biologistischen Erklärungen sind. Sie sind auch schlicht falsch.

Leben gründet auf allen Stufen auf Kooperation, wie Bauer aufzeigt. Auch Gene wären nichts und wirkungslos ohne ihre organische Umwelt.

Gewisse Forscher bluffen schlicht und einfach, wenn sie Genen, Hormonen oder Organen wie Herz und Hirn Subjektcharakter unterstellen. Sie nehmen die metaphorische Sprechweise für realistisch. Eine vernünftige Weltinterpretation muss Denken, Planen, Entscheiden, Handeln aber dort ansetzen, wo es ein Subjekt mit entsprechenden Fähigkeiten gibt. Und das ist, soweit wir sehen, der Mensch als Ich-bewusstes Wesen, beziehungsweise die Menschheit als Gemeinschaft vernunft- und kooperationsfähiger Personen. Von einem Subjekt zu reden, das in Beziehung zu einem Objekt treten kann, ist erst dort sinnvoll, wo die Voraussetzungen gegeben sind: Auf der Ebene des Bewusstseins seiner selbst. Der philosophische und theologische Diskurs über Gott und Mensch und Biologie ist kein naturwissenschaftlicher, er ist wesentlich ein kultureller.

Seitentitel

Webmaster