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Wie die Welt spinnt     


Zum Fall Fritzl (2)


Jemand hat gefragt, ob Fritzl sein Verbrechen wohl gebeichtet habe. Lebt er doch in einer erzkatholischen Gegend. Ein Psychologe meinte: Sicher nicht!


Der Psychologe hat Recht. Zwar würde sich wohl irgendwo ein Priester finden, der über dem Sünder die Worte aussprechen könnte: Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. So gestattet es das kirchliche Beichtsakrament!

Trotzdem: Fritzl hat bewiesen, dass er unfähig ist zu menschlicher Einfühlung. Das wunderbare Buch der Autistin Temple Grandin "Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier" (Ullstein Verlag, Berlin) hat mir die Psychologie der einfühlungsunfähigen Menschen erschlossen. Diese sind an sozialer Intelligenz dermassen defizitär, dass sie nicht einmal ein Schuldgefühl für Unmenschlichkeit entwickeln können. Intelligenz in anderen Hinsichten (Mathematik, Technik, Karriere) kann durchaus vorhanden sein.

Autisten könnten wohl lernen, wie man beichtet, es bliebe aber beim rein mechanischen, gewissensfreien Vorgang. Abgesehen davon würde ein Beichtpriester die Feigheit des Sünders decken, der seine Schuld unter dem Beichtgeheimnis bekennen will statt wahr und gerecht im Angesicht der Opfer.


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Das hierarchische Prinzip


Luzern. An einer Tagung über Kirche und Kirchenrecht sagte die Professorin: Die Tiefenstruktur der Kirche ist sakramental und nicht demokratisch. Sie rechtfertigte damit das hierarchische Prinzip der katholischen Kirche.

Die Aussage ist nicht haltbar, nicht einmal theologisch. Sie beruht auf einem Denkfehler. Denn Sakramentalität ist kein Strukturprinzip sondern eine transzendentale Eigenschaft: vom Geist Gottes gewirkt aus Gnade. Demokratie hingegen steht für Transparenz, Gewaltenteilung, Rechtsausgleich, Machtbalance, Partizipation, Mitsprache, Mitglauben.
Wer das Sakramentale gegen Demokratie ausspielt, der spricht dem Geist Gottes die Fähigkeit ab, in transparenten, partizipativen, machtbalancierten Strukturen zu wirken.


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Zum Fall Fritzl (1)


24 Jahre lang hat ein Vater seine eigene Tochter in einem Kellerverliess als Sexsklavin gehalten, hat sie missbraucht, vergewaltigt und mir ihr Kinder gezeugt. Und wer davon wusste, litt still, und wohl auch feige, eingeschüchtert vom Willen eines selbstherrlichen Mannes, der keinen Widerspruch zuliess.


Warum kommt mir Fritzl so bekannt vor?
Weil ich ihm schon begegnet bin. Nicht bloss in Krimis. Nein, auch im Privaten, an Stammtischen, hinter Schaltern, auf Chefetagen, in politischen und religiösen Zirkeln. Selbst putzige oder noble Fassaden können Abgründe der Unmenschlichkeit verbergen.
Es ist leider wahr: Die Menschlichkeit des Menschen ist keine definitive Errungenschaft unserer Zivilisationen. Sie bleib eine Baustelle. Wer weiss das besser, als jene, die sich die ungeheure Menschenverachtung vergegenwärtigen, die uns biedere menschliche Monster im 20. Jahrhundert vorgeführt haben. Siehe Adolf Hitler und seine Gefolgsleute!


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"Gott" ein Kategorienfehler

Joseph Weizenbaum (1923-2008), der berühmte Computerwissenschaftler sagte jüngst in einem Interview von "Publik-Forum":
"Es ist mir wirklich klar, dass die westliche oder die jüdisch-christliche Idee von Gott das ist, was man in der Philosopie einen Kategorienfehler nennt. Gott wird vorgestellt als Mensch."

Die Aussage mag provozieren. Sie entspricht aber sehr genau dem Ergebnis meiner "Evolution des Göttlichen".
Die Frage ist bloss, weshalb die Theologie diesen Kategorienfehler nicht bemerkt hat, obschon wir über lange Tradition logischer Analysen verfügen.
Zwei Gründe sind zu nennen:
1) Die Sprache. Wer den "Gott" verwendet, setzt meistens selbstverständlich voraus, dass von einem existierenden Wesen die Rede ist, das planen, denken, handeln, fühlen kann wie wir Menschen. Wenn schon die Menschen, dann erst recht Gott. Übersehen wird dabei, dass die Gottesvorstellung eine Vorstellung von einem unvorstellbar Transzendenten ist, sie also auf eine andere Kategorien bezieht.
2) Die Ontologie. Wer von "Gott" redet, setzt voraus, dass seine Vorstellungen nicht bloss platonischen Ideen entsprechen, sondern einer konkret existierenden Substanz.


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Schuss von der Kanzel

Ausgerechnet der Präsident des päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Seine Eminenz Kardinal Renato Martino, hat in den USA zum moralischen und finanziellen Boykott von Amnesty International aufgerufen.

Victor Giacobbo, der wohl prominenteste Schweizer Satiriker, nahm dies zum Anlass für eine beissende Satire, Titel: „Apostolgy International“. Giacobbo mutmasst unter anderem: „Die Menschenrechtsorganisation ist als Konkurrenz möglicherweise eine Dornenkrone im Auge des Vatikans, weil sie genau das tut, was Aufgabe einer Kirche wäre. Unter anderem spricht sie sich für das Abtreibungsrecht vergewaltigter Frauen aus.“
Die bösartige Polemik des Kurienkardinal gegen Amnesty International verdient nur eine satirische Antwort. Danke Viktor Giacobbo! Man muss sich in der Tat fragen, was für Dämonen die päpstliche Kurie besetzt halten. Es kann doch kein ehrlicher Mensch so blind sein, dass er den unersetzlichen, unverzichtbaren Einsatz von Amnesty International für uns Menschen nicht sieht!


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Humour à la Vaticaine

Die päpstliche Glaubenskongregation verurteilte zwei weit verbreitete Bücher des Befreiungstheologen Jon Sobrino aus San Salvador. Sie wirft dem einflussreichen Jesuiten vor, sich nicht klar zu Göttlichkeit von Jesus Christus zu bekennen. Kurz darauf publizierte der Herder-Verlag das Jesus-Buch von Benedikt XVI., worin der Papst über Jesus als den Sohn Gottes schreibt

Einen gewissen Hang zur Komik lässt sich Benedikts Vatikan nicht abstreiten. Da schiebt man Jon Sobrinos grossartige Christologie ins Abseits, um gleich danach Benedikts altväterische Christusprosa durchzuwinken. Zum Glück versteht der Papst sein eigenes Werk nicht so päpstlich-unfehlbar, wie einige es lesen möchten.


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Päpstlicher Alleinanspruch

Die päpstliche Glaubenskongregation verurteilte zwei weit verbreitete Bücher des Befreiungstheologen Jon Sobrino aus San Salvador. Sie wirft dem einflussreichen Jesuiten vor, sich nicht klar zu Göttlichkeit von Jesus Christus zu bekennen. Kurz darauf publizierte der Herder-Verlag das Jesus-Buch von Benedikt XVI., worin der Papst über Jesus als den Sohn Gottes schreibt

Einen gewissen Hang zur Komik lässt sich Benedikts Vatikan nicht abstreiten. Da schiebt man Jon Sobrinos grossartige Christologie ins Abseits, um gleich danach Benedikts altväterische Christusprosa durchzuwinken. Zum Glück versteht der Papst sein eigenes Werk nicht so päpstlich-unfehlbar, wie einige es lesen möchten.


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Symbol I

Hand berührt Mammuth

Bild aus der Grotte Chauvet, Südfrankreich, rund 30 000 Jahre alt - ein frühes Gespür für Transzendenz.

Symbol II

Mann, Frau, Gott


Bild von Ferdinand Gehr - das Göttliche,
Ansicht eines Unsichtbaren.