Schallers Atelier für eine religionsoffene, humanistische Theologie. Seit 2003.

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Wie die Welt spinnt
oder auch nicht!

von Fritz P. Schaller

Auf dem Weg zur Gross-Sekte
Katholische Entwicklungen

Neuerdings sehen nicht bloss Kirchenferne die katholische Kirche auf dem Weg zur Gross-Sekte. Auch Kirchenverbundene äussern Entsetzen.

2. September 2010. So  ein lese ich im Weblog eines katholischen Pfarrers diese These:
"Die katholische Kirche befindet sich zurzeit auf dem Weg zurück zur gesellschaftlich irrelevanten Sekte der 'Altgläubigen', in der sie sich abseits der bösen Welt der modernen Gesellschaft wohl fühlen will." Er fragt am Schluss: Ist diese Entwicklung noch zu stoppen?

Meines Erachtens sollten wir die Entwicklung weniger aus kirchlicher Sorge betrachten als aus der Perspektive der Religion allgemein. Denn diese eröffnet einen grösseren Zusammenhang. Das Problem zeigt sich damit noch virulenter.

Der kanadische (katholische) Religionsphilosoph Charles Taylor analysiert in seinem jüngsten gewaltigen Werk "Das säkulare Zeitalter" die religiöse Entwicklung, und darin natürlich auch der Kirchen. Nach seiner Darstellung kommen wir aus einem "Zeitalter der Mobilisierung" (für das Christentum, für die Kirche, für den rechten Glauben, für den Papst, für "Gott") und sind in ein Zeitalter der "Authentizität" eingetreten. Taylor hält die Entwicklung für unumkehrbar.

Ich glaube, Taylor sieht richtig. Die Mobilisierung brauchte hierarchische Strukturen, gesellschaftliche Gruppierungen, Missionare, ein eindeutiges Glaubensbekenntnis, politische Parteien, Märtyrer etc. Die Authentizität hingegen führt zu persönlicheren, freieren und gemeinschaftlichen religiösen Formen.

So betrachtet ist die römisch-katholische Kirchenstruktur in der Tat überholt. Ihr Zentralismus, der päpstliche Iurisdiktionsprimat, ihr globales Kirchenrecht, ihr Sakramentenverständnis, ihr Dogmenverständnis, ihre klerikale Führung waren wohl gut für das Zeitalter der Mobilisierung (und Kolonisierung). Heute wirken diese Elemente zunehmend abschottend, sektiererisch.

Das Zeitalter der Authentizität ruft aber nach neuen Formen der Religion. Ich würde sie als pfingstliche Basisgemeinschaften bezeichnen (nicht im Sinn der heutigen Pfingstkirchen, sondern im Sinn des Pfingstereignisses der Apostelgeschichte). Diese Formen können natürlich auch katholisch oder reformiert, buddhistisch oder hinduistisch sein, oder besser noch ökumenisch. Die Führung wäre nicht kirchenrechtsbestimmt, sondern charismatisch und theologisch, eben authentisch, für Christen jesuanisch.

So gesehen, scheint mir die These des Pfarrers auf einer überholten Sorge um die Kirchenstruktur zu beruhen. Es wird weiterhin die tradionalistischen Milieus geben, die den Papstkult mehr als die Freiheit des Christenmenschen zelebrieren. Aber sie sind für die Menschheit zunehmend irrelevant.

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Jesus und Buddha, oder
die Wahrheit von Mythen

Sensibilisiert wie ich bin beim Thema Mythos, stört mich der Allerweltsgebrauch, der sich in die Alltagssprache eingebürgert hat. Warum?

28. August 2010. In der Schweiz tobt derzeit ein Meinungsstreit über die Frage, ob vier oder gar fünf Frauen in der siebenköpfigen Bundesregierung nicht zu viele wären. Da lese ich beispielsweise im Kommentar einer Tageszeitung, es sei ein "Mythos", dass Frauen eine bessere Politik machen.

Warum schrieb der Mann nicht einfach, es sei ein Irrtum? Oder eine unbewiesene Behauptung? Oder eine unzulässige Verallgemeinerung? Meint er, ein Irrtum werde schon dann ein Mythos, wenn er nur weit genug verbreitet sei?

(Sie können dieses Weblog auch als PDF-Dokument lesen
Archiv: Mythos Jesus und Buddha)

Ich selber möchte den Mythos für seinen ursprünglichen theologischen und kulturellen Gebrauch reservieren.

Mythen sind Grosserzählungen über Ursprung und Zukunft, über Schicksal und Bedingtheit, über Zeit und Ewigkeit, über den Kampf von Gut und Böse, über die Überlistung des Todes. Die alten Mythen erzählen Geschichten von höheren Gewalten, von Gott, von Göttern und Halbgöttern, von Kulturbringern, von Helden und Heiligen. Die jüngeren Mythen erzählen hingegen von Klassenkampf und Marktwirtschaft, von Zusammenprall der Zivilisationen, von Fortschritt, oder auch von Endzeit und Untergang.

Besonders interessant finde ich Mythen bei Personen, die zugleich geschichtlich und mythisch sind. Alle Religionen stehen vor dem Problem, die einmalige und besondere Bedeutung ihrer Stifter ins Überzeitlich-Gültige zu heben. Das Mittel der Wahl heisst Mythos.

So kommt es, dass die Mythen als Bedeutungsverkörperungen ihrer Helden und Heiligen dienen. Sie transportieren nicht historische Tatsachen. Sie können darum gar nicht irren. Sie transportieren Bedeutungen, selbst dann, wenn eine Heldenfigur gar nie wirklich gelebt hat: Beispielsweise der Mose der Bibel, oder der Wilhelm Tell der Schweizer Gründungsmythen.

So kommt es, dass dem historischen Buddha drei Leiber als seine Verkörperungen zugeschrieben werden:
1) Der Leib aus Fleisch und Blut des geschichtlichen Buddha (Buddha Sakyamuni). 2) Der Leib der himmlischen Buddha-Erscheinungen, der von Weisheit und Mitleid strahlt. 3) Der unstoffliche Dharma-Leib, das Buddha-Prinzip.

Verblüffend ähnlich verhält es sich mit Jesus von Nazareth.
1) Der geschichtliche Jesus ist der Gekreuzigte, ein Mann aus Fleisch und Blut. 2) Der Christusleib hingegen ist der Leib des Auferstandenen, der an keine Bedingtheit mehr gebunden ist und der Macht, Hoffnung und Trost ausstrahlt. Dieser Christus ist das grosse Thema des Apostels Paulus. 3) Schliesslich haben wir im Prolog des Johannes-Evangelium die Rückbindung an das Christus-Prinzip, die Verköperung im "Wort", im Logos, als dem Inbegriff der Weltordnung. Hier finden wir das Leitmotiv des Jesus-Buches von Benedikt XVI.

Theologisch ist die Unterscheidung eigentlich klar: Wenn wir von Jesus von Nazareth oder Buddha Shakyamuni reden, dann meinen wir leibhaftige Persönlichkeiten. Wenn wir aber von Christus reden oder vom himmlischen Buddha, dann haben wir mythisch überhöhte Figuren vor uns, deren "Wahrheit" nicht wesenhaft ist, sondern in der zugeschriebenen Bedeutung liegt.

Die Rede in der dritten Stufe bezieht sich auf den Dharma-Leib Buddhas, beziehungsweise der Logos-Qualität von Christus. Das aber ist dann definitiv die Rückbindung des Vergänglichen an sein Prinzip. Mythos in diesem Sinne ist kein Irrtum, sondern einer Wahrheit anderer Ordnung.

Theologisch ist diese Erkenntnis äusserst spannend: Es geht bei der Verwandlung von Buddha und Jesus in ihre Bedeutungs-Verkörperungen nicht um reale Vorgänge. Es sind mythische Gleichniserzählungen über die Bedeutung menschlicher Existenz überhaupt. Also auch unserer eigenen.
1) Unseren geschichtlichen Ort unseres Daseins, 2) die Bedeutung unserer Lebensperformance, 3) die Rückbindung an die transzendenten Prinzipien des Daseins und des Lebens.
Ich liebe die Weisheit und den Trost der Mythen. Was will man mehr von der Religion? Aber ich verwechsle sie nicht mit der historischen Wahrheit.

Empfehlung zur Lektüre: Ulrich Luz und Axel Michaels: Jesus oder Buddha. Leben und Lehre im Vergleich. Verlag C.H. Beck, München 2002.

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Spielen, Schreiben, Träumen

Ich will "Denken, Spielen, Schreiben" um ein viertes erweitern: Die kreative Bedeutung der Nacht: Das Träumen.

26. August 2010. Jahrzehntelang weckte mich in unregelmässigem Abstand ein Traum. Ich nenne ihn den Traum meiner unerfüllten Performance. Ich sitze an einer riesigen Pfeifenorgel. Das Publikum wartet, dass ich spiele. Doch jedes Mal endet der Auftritt in einer Blamage: Es klemmen die Register, ich hatte etwas vergessen, ich finde die Noten nicht mehr. Die Pedaltöne klemmen ...

Allmählich lernte ich mit diesem nächtlichen Neuronen-Spektakel umzugehen. Manchmal endete es deprimierend, manchmal europhorisch. Aber jedes Mal hatte es mit meinem Leben zu tun. Es ist, als ob Erlebtes, Gedachtes, Gesprochenes, Geschriebenes sich zu einem existenziellen Geschehen fügen möchten.

Träume sind kreative Momente. Kein Psychoanalytiker kann sie besser deuten als die Träumenden selber. Denn Träume spiegeln das eigene subjektive Leben, nicht ein objektives kollektives Muster.

Erstaunlich aber: Ebenso regelmässig stellt sich am Ende der Nacht, bei Frühstückkaffee und Tageszeitung, jene unternehmungslustige Gelassenheit ein, der Problemlösungen gelingen, die einen am Abend zuvor noch ratlos verzweifeln liessen.

Ich mag auch die schwierigen Nächte: Sie synchronisieren die taktwidrigen Rhythmen der Existenz.

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Denken, Spielen, Schreiben

Vor einigen Jahren spielte ich mit der Option, parallel zum Atelier für Theologie ein Atelier für Kirchenjazz zu gründen. Die Idee war nicht übel. Aber!

17. August 2010. Ein echtes Atelier für Kirchenjazz hätte vorausgesetzt, dass andere mitgespielt hätten. Schon wegen der Infrastruktur: Experimentiermöglichkeiten mit Sängern, Schlagzeugern, Instrumenten. Ein Pfarreiraum, ein Kirchenraum, wohlwollend gesinnte Geistliche und Kirchenmusiker, usw.

Die Idee war nicht übel. Aber die Umstände nicht freundlich. So kam es, dass ich meinen Kirchenjazz auf ein paar Wochenstunden an einer Friedhofsorgel reduzierte. Zur Unterhaltung der Bestatteten. Umso mehr Zeit kann ich dafür in mein Atelier für Theologie investieren. Kirchenjazz bleibt eine Seitenlinie. Aber keine unnütze.

Interessanter Weise passen Musizieren und Schreiben sehr gut zusammen. Es findet eine gegenseitige Befruchtung statt. An der Orgel habe ich das Gefühl, dass im Spielen ein kreatives Potenzial frei wird. Es ist, als ob das improvisierende Experimentieren mit Klängen, Melodien und Rhythmen den chaotischen Schatz unbewussten Wissens befreien, neu kombinieren und in bewusste Formen überführen könnte.

Genau gleich erlebe ich beim Schreiben. Es ist, als ob der Versuch, Gedanken und Sätze zu formen, den lebenslang gesammelten Bestand an unbewusstem Wissen und Erfahrung entfesseln könnte. Das Bewusstsein wirkt im Spiel mit dem Unbewussten, schenkt man dem Vorgang bloss Ruhe und Aufmerksamkeit. Mit jedem gelungenen Satz erfahre ich eine ästhetische Befriedigung. !rgendwie Glück.

Danke dem Leben, so wie es spielt!

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Menschenopfer,
die religiöse Hypothek

Menschen werden geopfert oder lassen sich opfern. Scheinbar aus guten Gründen. Es gibt aber keine guten Gründe.

31. Juli 2010. In meiner Arbeit über Ursprung und Wandel der Gottesvorstellung stiess ich auf die Tatsache, dass viele Religionen Menschen opfern und in den Tod schicken, weil Gott es angeblich so will. Die jüngsten Selbstmordattentate von jungen Palästinensern sind aktuelle Beispiele.

Ich weiss: Sogar Abraham, der viel gepriesene Glaubens-Gewährsmann von Juden, Christen und Muslimen glaubte, er müsse Gott gehorchen und seinen einzigen Sohn Isaak auf einem Scheiterhaufen als Opfergabe verbrennen.

Je länger je mehr empört mich die Vorstellung. Sie lastet als eine entsetzliche Hypothek auf den Religionen. Denn Menschenopfer werden noch heute angeordnet, aus angeblich höherem Sachzwang: Siehe die Kriege im Irak und in Afghanistan.

Dies ist der Hintergrund, weshalb ich in meiner Nebenbeschäftigung als Kirchenorganist einen Song gegen Menschenopfer schrieb:

Sie finden das Leadsheet auf der Seite "Kirchenjazz"

Sterben, aber nicht für jeden Abraham

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Eine genetische Zeitreise
Unser Jetzt und die Vergangenheit

Seltsam: Ich bin mir bewusst, immer im Jetzt zu leben. Selbst, was mir erst gestern bewusst war, wird nur als Erinnerung wieder bewusst. Was ist Bewusstsein anderes als ein Aufflackern der Existenz in Gegenwart, im Jetzt? Trotzdem berührt mich die Frage sehr tief: Was hat es mit der Vergangenheit auf sich, aus der wir herkommen? Was ermöglicht unser Jetzt?

19. Juli 2020. In meinem Roman „Mantanens Wahrheit“ stellt sich der Titelheld Marc eine Volksversammlung von Australopithecinen vor und fragt: Hätte irgendeiner dieser unserer affenähnlichen Vorfahren vor Millionen Jahren darauf wetten können, dass aus ihren Nachfahren einst Homo-Sapiens-Zivilisationen entstehen könnten?

Selbstverständlich konnten sie nicht, davon ist Marc überzeugt. Selbst wenn sie schon über weit entwickelte Gehirne verfügt hätten! Die Evolution des Lebens, der wir zugehören, schöpft aus so vielen Ressourcen und Neukombinationen, Herausforderungen und Anpassungen, dass die Zukunft offen bleibt. Die Evolution verläuft und verlief nicht nach Prognosen. Sie ist, wie wir im Nachhinein feststellen können, viel zu kreativ, als dass sich alles das so erfüllen könnte, wie wir hoffen, meinen oder fürchten.

Wie wir im Nachhinein feststellen! Es verblüfft mich sehr, wie viel Wissen die Forscher bereits zusammengetragen haben. Es lässt staunen!

Die genetischen und archäologischen Erkenntnisse übertreffen bei weitem, was Historiker aus ihren Quellen schon erschlossen. Zwei Beispiele: Die Entdeckung der Urfrau Ardi und die genetische Verzweigungkarte unseres Erbfadens.

Lesen Sie den ganzen Text im PDF-Format.

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Burka, diesseits der Religion

Ganzkörperverhüllung und Nacktwandern (in den Bergen) haben etwas gemeinsam: Es handelt sich hierzulande um zivilisatorische Geschmacksverirrungen.

8. Juli 2010. Ich finde es zunehmend ärgerlich, Nacktwandern und Burka mit persönlicher Freiheit oder gar Religionsfreiheit zu begründen. Nacktwanderer können natürlich argumentieren, Gott habe sie so geschaffen. Wenn sie das für eine lustige Begründung halten!

Wie aber können Imame die Totalverschleierung von Frauen als „Willen Gottes“ predigen? Und wie können Frauen solcher Predigt glauben? Als Gebot des weiblichen Gehorsams?

Wie steht es denn um Gottes eigenen Geschmack? Müssten seine Gläubigen nicht annehmen, dass Allah über die neue „Miss America“, einem seiner gelungensten Geschöpfe und bekennenden Muslima, höchst entzückt wäre? Offenbar verträgt sich die Präsentation dieser Schönen im Bikini mit ihrem Islam. So kann Allah wohl auch an seinen Dienerinnen Gefallen finden, die in Istanbul, Marrakesch oder wo auch immer ihre kunstvoll-erotischen Bauchtanz vorführen.

Hören wir auf, religiöse Kleidervorschriften als Gegenstand der Religionsfreiheit, beziehungsweise der Glaubensfreiheit, zu verhandeln. So viel Respekt und öffentliche Aufregung verdienen sie nicht, so wenig wie die Nacktwanderer.

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Junges
Europa

"Europa wird heute von den Jungen täglich gelebt. An den Universitäten, im Schengenraum, mit dem Euro, beim Lernen anderer Sprachen des Kontinents.

Europa, das sind Freundschaften, das ist auch Liebe! Nur, wissen das die Jungen?

Das Problem ist heute, dass sich fast niemand mehr für europäische Pädagogik interessiert, auch die Jungen nicht. Es fehlen die offen proeuropäischen Parteien, auf die man sich stützen könnte."

Jorge
Semprun

in:

Tages-Anzeiger Zürich,
6. Mai- 2010.