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Auf der Schwelle

Ein Essay zur Jahrtausendwende

Von Fritz P. Schaller

 

Es ist noch gar nicht so lange her. Irgendwann im Oktober 1999 hat das sechsmilliardste Menschenkind, frisch geboren, seine Augenlider geöffnet. Ein Würmchen, geküsst vom ersten Lichtstrahl unseres Sterns, der Sonne.

Als Bürger eines Sonnensystems, eingebettet in den gewaltigen Orion-Spiral-Arm der Milchstrasse, wächst dieses Würmchen heran, im Gewusel von Abermilliarden anderen Lebewesen auf unserem blauen Planeten. Und es wird ein paar Jahrzehnte lang das tragisch-komische Drama einer menschlichen Existenz auskosten.

 

Der grosse französische Schriftsteller André Malraux hat dafür den schönen Begriff «condition humaine» geprägt,«menschliches Dasein», zur Freiheit berufen, zum Sterben bestimmt.

Man darf wetten, dass das sechsmilliardste Menschenkind in etwa zwei Jahren zum Ich-Bewusstsein erwachen wird.

Und dass es, seiltanzend zwischen Nüchternheit und Trunkenheit, beginnen wird, den Spielraum seiner Lebenswelt auszuloten. Sein Ich wird ein Leben lang sein subjektives persönliches Zentrum von Sonnensystem, Milchstrasse und Kosmos sein, «gottebenbildlich», sagt die Bibel. Es wird sein Gesicht im kosmischen Spiegel betrachten wollen und irgendwann auf die Frage aller Fragen stossen: Was soll das Ganze? Und was ist der Sinn meiner persönlicher Existenz im Ganzen drin?

 

Unter günstigen Umständen singt die Mutter dem jungen Wesen das Wiegenlied von der guten Fee, die es in der Nacht behüte. Oder sie erzählt vom Schutzengel, der es begleite. Selbstverständlich sind Fee und Schutzengel keine realen Wesen. Denn wo war der Schutzengel des World Trade Center in New York, als am 11. September 2001 die Zwillingstürme einstürzten? Oder im Zuger Kantonsparlament? Oder im Gotthard-Tunnel? Trotzdem werden die Mütter weiterhin das Wiegenlied von der guten Fee singen und «Bhüet di Gott» murmeln. Weil sie dem Kind das Grundvertrauen in das Leben einflössen möchten. Ohne dieses Vertrauen wäre das menschliche Dasein ein ganz verzweifelter Zustand.

 

Theologisch betrachtet, sind die mütterlichen Segenssprüche ein religiöser Ritus. Denn auch die Religion deutet die Welt auf eine Weise, dass der Mensch Vertrauen findet. Und Sinn.

 

Religion setzt voraus, dass der zum Ich-Bewusstsein erwachte Mensch seine Bedingtheit in einem gewaltigen und unergründlichen Kosmos erfährt. Religion ist nichts anderes als die Beziehung des bedingten, zufälligen, sterblichen Menschen zu einem Unbedingten, das er als unverfügbar, bedingungslos, transzendent erfährt. Dass der Mensch dieses «Unbedingte» Gott nennt, ist gar nicht selbstverständlich. Denn die vier Buchstaben «Gott» ergeben einen Begriff, kein Wesen. Es ist deshalb wenig ergiebig, über Gott zu streiten. Spannend ist vielmehr

die Frage, wie der Mensch auf «Gott» kam. Die Antwort sagt auch, wie der Mensch heute auf «Gott» kommt.

 

In der Geschichte begegnen wir Begriffen von «Gott» oder «Gottheit» frühestens zu einer Zeit vor 6000 Jahren, als im Vorderen Orient und in Ägypten bereits Hochkulturen mit Städten und Priesterkönigen bestanden, zeitgleich mit der Erfindung der Schrift. Das ist zwar spät. Aber die ersten aufgezeichneten Mythen und Erzählungen lassen die religiösen Erfahrungen erkennen, aus denen der Gottesbegriff entstand, aus einem Puzzle von einzelnen Teilstücken der "Gottheit". Interessanterweise sind es in allen Kulturen die unverfügbaren Kräfte der Condition humaine, die man mit Gottheiten verbindet: Fruchtbarkeitsgöttin, Regengott, Sturmgott, Sonnengott, Totengott, Stammesgott.

 

Die Vorstellung von einem Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, ist sehr viel später, zuerst in Ägypten, dann in Israel entwickelt worden. Von dort aus hat die Idee jene Dynamik entwickelt, die die Götterhimmel der Griechen, der Römer, der Kelten und Germanen zum Einsturz brachte.

 

Der Ein-Gott-Glaube brachte die Erfahrung «des Unbedingten» auf eine schlichte, einsichtige Form. Sie verbannte aber auch die vielen bunten Götter in den Bereich des Aberglaubens. Die Entwicklung zum Gottesbegriff und Ein-Gott-Glauben war nicht zwingend. Der

Hinduismus ist bis heute polytheistisch, der Buddhismus ist im Kern eine Religion ohne persönlichen Gottesbegriff. Es fällt jedoch auf, dass die Mystiker in allen Religionen ihre Erfahrung des Unbedingten in ganz ähnlicher Weise darstellen, obschon die Religionen sehr verschieden sind. «Alle Mystiker verkünden zuerst, ihre Erfahrung lasse sich keinesfalls in Worte fassen», stellt der amerikanische Religionssoziologe Peter Berger fest. «Wenn sie dennoch davon berichten, tun sie dies voll und ganz in der Sprache, ihrer speziellen religiösen Tradition.»

 

Geschichte und Mystik beweisen, dass es jenseits des Gottesbegriffs eine religiöse Erfahrung gibt, als einen Bestandteil der Condition humaine. Der religiöse Mensch hört den unbedingten Hintergrund seiner bedingten Welt rauschen. Viele nennen ihn Gott. Zum Ich-Bewusstsein erwacht, wird das sechsmilliardste Menschenkind eines Tages seinen Hintergrund abhorchen wollen, ob wohl ein Sinn in seinem Leben und im Dasein überhaupt auszumachen sei. Und es wird dabei der Religion begegnen.

 

Die Religionen enthalten die ganze Geschichte des menschlichen Versuchs, seine Beziehung zum Unbedingten zu beschreiben, es in Mythen, Symbolen, Geschichten und Riten zu fassen, es theologisch zu denken. Auch mit Hilfe des Gottesbegriffs. Davon können wir uns nicht abnabeln. Selbst wenn wir wollten.


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Symbol I

Hand berührt Mammuth

Bild aus der Grotte Chauvet, Südfrankreich, rund 30 000 Jahre alt - ein frühes Gespür für Transzendenz.

Symbol II

Mann, Frau, Gott


Bild von Ferdinand Gehr - das Göttliche,
Ansicht eines Unsichtbaren.